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Angst um Leib und Leben

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September 17, 2017 by Eike Sauer

Wissen Sie noch, wie unsicher die Zeiten vor zehn/fünfzehn Jahren waren? Wie sehr man sich vor Morden und Vergewaltigungen fürchten musste?

Nein, ich auch nicht. Ich habe diese Zeit als ziemlich friedlich in Erinnerung.

Aber heutzutage?!?

Ich bekomme immer wieder zu lesen, wie gefährlich unser Land geworden ist. Eine Freundin hatte wegen eines Polizeigroßeinsatzes an der Schule Angst um das Leben ihrer Tochter (wofür ich jedes Verständnis habe!). Als ich sie etwas beruhigen wollte, schrieb sie, ich solle „die rosa Brille abnehmen“ und dass es heutzutage nicht mehr nur gute Menschen gäbe. Sie hat anscheinend das Gefühl, dass viel mehr Menschen gewaltsam sterben als früher. Ein anderer schrieb mir in einer privaten Diskussion auf Facebook: „Seit dem ungebremsten Zuzug von Moslems stiegen die Vergewaltigungen […] um ein vielfaches.“ Und heute las ich von einem Politiker einer Kleinstpartei, es gäbe „massiv gestiegene Sexualdelikte gegen Frauen, ausgelöst durch den massenhaften Zuzug junger Männer“.

Ich will vorwegschicken, dass natürlich jeder Fall von Mord und Vergewaltigung schreck­lich und ein Fall zu viel ist. Aber wenn die Menschen das Gefühl haben, dass es früher keine bösen Menschen gegeben hätte oder die Zahl von Ver­ge­walti­gun­gen explodiert wäre, macht es Sinn, sich anzusehen, wie gefährlich wir wirklich heute in Deutschland leben.

Mord und Totschlag

In Deutschland wird eine Statistik über die verübten Straftaten geführt (unabhängig davon, ob der Täter ermittelt werden konnte), die Polizeiliche Kriminalstatistik PKS. In den „langen Zeitreihen“ sind die Zahlen seit 1987 aufgelistet. Hier die Entwicklung der sogenannten „Straftaten gegen das Leben“, also Mord, Totschlag und co. Die Grafik zeigt die Anzahl der Straftaten pro 1.000.000 Einwohner („Häufigkeitszahl“).

Wie man sieht, müssen wir heute nicht mehr Angst vor einem gewaltsamen Tod haben als vor 10, 15 oder auch 20 Jahren. Auch in den 80ern gab es mehr Morde als heute. Es ist ein Anstieg der Fälle im letzten Jahr zu verzeichnen – aber ganz sicher sind böswillige Menschen keine Neuigkeit und wir leben nicht in einer Zeit von Mord und Totschlag.

Vergewaltigung

Die Zählung von Vergewaltigungen in der PKS wurde 1999 umgestellt (weil erst seit Ende der Neunziger in Deutschland Vergewaltigung auch in der Ehe verboten ist…), daher sind die Zahlen davor leider nicht mehr vergleichbar. Hier die Entwicklung der Fälle von „Vergewaltigung und sexueller Nötigung §§ 177 Abs. 2, 3 und 4, 178 StGB“ seit 1999:

Die Häufigkeit der Fälle liegt auf ähnlichem Niveau wie vor 10 Jahren und 15 Jahren. Sie waren schon mal niedriger, aber auch schon mal höher.

Insgesamt sieht die Entwicklung von Sexualstraftaten wie folgt aus:

Nicht das, was man „massiv gestiegen“ nennen würde.

Innere Sicherheit

Woran liegt es, dass manche den Eindruck haben, die Zahl von Morden oder Ver­ge­wal­ti­gun­gen wäre explosionsartig angestiegen?

Ich will die Schuld nicht allein den Medien zu­schieben. Ich bin schon der Ansicht, dass ein Amoklauf wie in München oder ein Terror­anschlag wie in Berlin eine intensive Bericht­er­stattung wert sind. Wobei man doch über­legen kann, ob man ständig live auf Sendung sein muss, wenn es eigentlich keine neuen Erkenntnisse gibt und die Re­porter vor Ort immer nur erzählen, dass sie auch nichts Neues wissen.

Die „sozialen Medien“ (heutzutage oft eher asoziale Medien) haben sicherlich ihren Anteil daran: Begangene Taten, von denen man früher schlicht nie erfahren hätte, werden in wenigen Stunden durch die Republik kolportiert und tausendfach kommentiert. Und wenn nichts passiert ist, dann wird halt was erfunden.

Und sicherlich fallen solche Meldungen auf fruchtbaren Boden der Verunsicherung, die unter anderem die tägliche Berieslung mit Bildern von Flüchtlingstrecks 2015 ausgelöst hat.

Fazit

Tatsächlich ist die Anzahl an Morden und Vergewaltigungen letztes Jahr etwas gestiegen. Es ist natürlich zu hoffen, dass daraus kein Trend wird. Aber weder gibt es erst neuer­dings böse Menschen, die einem nach dem Leben trachten könnten, noch hat sich die Zahl der Taten vervielfacht, wie manche den Eindruck haben (und andere ihn schüren). In Sachen gewaltsamer Tötung, Vergewaltigung und sexueller Übergriffe leben wir heute mindestens so sicher wie vor 10 oder 15 Jahren auch.

Im internationalen Vergleich stehen wir damit übrigens nicht schlecht. Laut Studie des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung UNODC liegt die Mordrate zum Beispiel in Ungarn 74% höher als bei uns, in den USA ist die Wahrscheinlichkeit, ermordet zu werden, fünf Mal so hoch, in Russland sogar dreizehn Mal so hoch.

Ich habe übrigens sowohl dem Diskutanten als auch der Freundin geschrieben, dass wir in Wirklichkeit nicht gefährlicher leben. Die Freundin scheint ihr Posting daraufhin ge­löscht zu haben. Der Diskutant (der vorher sehr diskussionsfreudig war) hat nie mehr ge­ant­wor­tet, nachdem ich Zahlen vorgelegt hatte. Ich hoffe mal, beide haben fest­gestellt, dass sie einem falschen Eindruck erlegen waren und – ist das nicht schön?! – dass sie nicht so viel Angst haben müssen.

Quelle: Zeitreihen der Polizeilichen Kriminalstatistik 2016

 


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