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„Lügenpresse“

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Januar 13, 2015 by Eike Sauer

Verdammt! Jetzt wollte ich meinen neuen Blog „Lügenpresse“ eröffnen mit dem Vorschlag, diesen Begriff zum Unwort des Jahres zu erklären – da ist mir die „Unwort“-Jury zuvorgekommen. Eine gute Entscheidung! Ich werde trotzdem schreiben, warum ich denke, dass das die richtige Wahl ist.

Mit dem Begriff „Lügenpresse“ wird pauschal ein ganzer Berufsstand und mit ihm die vierte Gewalt im Staate verunglimpft. Es ist im letzten Jahr Mode geworden, alles abzulehnen, was von Journalisten geschrieben oder gesagt wird – solange es einem nicht in den Kram passt. Jahrzehntelang habe ich davon geträumt, dass die Menschen aufhören mögen, der „Bild“-„Zeitung“ alles zu glauben… stattdessen haben sie angefangen, der Tagesschau nichts mehr zu glauben.

Man verstehe mich nicht falsch, natürlich spricht nichts gegen einen kritischen Umgang mit Journalismus. Man sollte aber definitiv mindestens ebenso kritisch mit dem umgehen, was man so im Internet liest und hört, sei es in Benutzer­kommentar­bereichen, Blogs oder auf Youtube. Diese unterliegen im Gegensatz zu pro­fes­sio­nellen Medien keinerlei Qualitäts­kontrolle. Und, noch schlimmer, es scheint sich eine Menge von Leuten gefunden zu haben, die das Internet mit ihren Pamphleten füllen, die dafür offensichtlich ziemlich viel Zeit haben und ziemlich viel Energie darauf verwenden. Auf der anderen Seite scheint die Mehrheit der vernünftigen Menschen diese Bereiche, zum Beispiel die Kommentar­spalten, konsequent zu meiden. Das wiederum erweckt bei Leichtgläubigen (und das habe ich ausdrücklich von einem gelesen) den Eindruck, dass da doch schon was dran sein müsse, weil, das liest man ja überall und immer wieder und vor allem unwidersprochen.

Wenn mich auf Facebook mal wieder Presse-Bashing erreicht hat, habe ich mir im Normalfall nicht die Mühe gemacht, das zu überprüfen. Aber meine Verlobte hat das getan. Als auf einer Facebook-Website, die sich „Anonymous“ nennt (und als gekapert gilt), über einen Zwischenfall in der frühen Phase des Ostukraine-Kriegs behauptet wurde, es hätte über 100 Tote gegeben und die Tagesschau würde das verschweigen, und als das Netz-Volk irgendwen dafür aufknüpfen wollte, hat sie sich drangesetzt und nach Quellen gesucht. Und siehe da: Selbst russische Medien haben von 30 Toten berichtet. Die… nennen wir es stark fehlerhafte Bericht­er­stattung war offensichtlich ganz auf Seiten dieser Facebook­seite. Ich habe mir die Tagesschausendung angesehen, die damals noch in der Mediathek zur Verfügung stand: Die hat aus meiner Sicht neutral und mit dem Eingeständnis der in solchen Zeiten selbstverständlich herrschenden Ungewissheit über das Geschehen be­rich­tet.

Mein Respekt für alle, die versuchen, in diese düsteren Bereiche des Netzes Vernunft hineinzutragen. Ich tue es nicht. Es ist anstrengend, zeitraubend und mäßig erfolgversprechend. Trotzdem ist es eigentlich eine Arbeit, die getan werden muss, auf dass die Leichtgläubigen nicht derart einseitig informiert werden, wie das derzeit der Fall ist.

Das Problem unserer Tage ist keine „Lügenpresse“. Es ist ein Netz von Lügen.


1 comment »

  1. Rudolf Grollmisch sagt:

    Vielleicht weil es mehr Lügner gibt als Wahrheitssuchende? Auch die übrige Natur bietet dafür genug Beispiele. Vermutlich nicht ohne Grund hatte der alte Moses das Lügengebot in den Gebotskatalog aufgenommen.

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